von Martha Verdorfer
Sippenhaft bezeichnet die rechtsstaatswidrige Praxis, Familienangehörige für die Taten eines Menschen verantwortlich zu machen und zu bestrafen. Diese Form der Kollektivhaftung stammt aus dem Mittelalter und wurde im Nationalsozialismus als Terrorinstrument intensiviert und angewandt.
In Südtirol wurde die Sippenhaft mit der Verordnung des Obersten Kommissars für die Operationszone Alpenvorland, Franz Hofer, vom 6. Jänner 1944 eingeführt. Sie richtete sich gegen Deserteure und Kriegsdienstverweigerer.
§4. der Verordnung lautete:
„Wer dem Befehl, sich zur Erfassung oder Musterung zu stellen, oder wer dem Einberufungsbefehl nicht Folge leistet, sich demselben durch Flucht oder durch absichtlich herbeigeführte Schädigung der eigenen Gesundheit entzieht, oder sich zu entziehen versucht, wird mit dem Tode bestraft. In leichteren Fällen kann auf Zuchthaus bis zu zehn Jahren erkannt werden.
Die gleichen Strafen treffen auch die Mittäter. Bis zur Ergreifung der der Tat oder Mittäterschaft Beschuldigten können dessen Familienangehörigen, und zwar die Ehefrau, die Eltern, die Kinder über 18 Jahren und im gemeinsamen Haushalt mit dem Täter oder Mittäter lebenden Geschwister festgenommen werden.“
Von dieser Verordnung waren vor allem auch Frauen betroffen. In einer Liste der „Südtiroler Opfer des Nationalsozialismus“ vom November 1945 sind die Namen von 67 Frauen aufgelistet, die wegen dieser Verordnung in Gefängnissen bzw. im Polizeilichen Durchgangslager in der Bozner Reschenstraße interniert waren. Tatsächlich dürften es einige mehr gewesen sein.
Die Sippenhaft wurde nicht überall gleich durchgeführt, sondern ihre Anwendung hing maßgeblich auch von den lokalen Machtträgern, wie den NS-Bürgermeistern oder Ortsgruppenleitern ab. So wurde z.B. im Passeiertal, wo es insgesamt zahlreiche Deserteure gab, die Sippenhaft zwar in St. Leonhard und Moos radikal angewandt, nicht aber in St. Martin.
Die NS-Propaganda versuchte, durch die Androhung der Sippenhaft, die Deserteure und Kriegsdienstverweigerer zu bewegen sich zu stellen. Die Frauen, die im Lager waren, wollten das allerdings nicht. Sie nahmen die Sippenhaft als Teil ihres Widerstandes gegen das Regime auf sich, so wie sie vorher schon in vielen Fällen ihre desertierten Angehörigen unterstützt hatten, indem sie ihnen Lebensmittel, Decken, Medikamente und vor allem auch Informationen in die Verstecke brachten.