Die Regung der Hoffnung

aus: “Iseo nella Resistenza. 1945-2005 Sessant’anni di libertá”, Brescia,2005

Vielleicht möchtest du wissen, was ich tue und wie ich meine Tage verbringe, aber ich werde dir nichts von dem sagen, was man sieht, außer dass ich manchmal weder sehen noch hören noch fühlen noch irgendeine Regung in meiner Seele haben möchte, die nicht die der Hoffnung wäre.“ 1

Marietta Nulli, bekannt als Mariuccia (Iseo, 2. April 1922 – Chiari, 4. Dezember 2001), war eine junge Frau mit bemerkenswerten Talenten: Sie war Schützensportmeisterin und hatte eine große Leidenschaft für das Zeichnen und die Malerei. Im Jahr 1944 studierte sie Philosophie und widmete sich neben dem Studium intensiv dem Sport. Mariuccia war das dritte von vier Kindern und wie ihre gesamte Familie engagierte sie sich aktiv in der Widerstandsbewegung. Am 12. September 1944 wurden sie von der deutschen [lo si potrebbe anche togliere forse] SS verhaftet – zusammen mit ihrer Mutter Caterina Spini, ihrem Vater Lodovico, Frau Dina (der Witwe von Silvio Bonomelli, die Schutz im Haus der Nullis gefunden hatte), sowie ihrer Schwester Rosetta und deren vierjährigen Sohn Ennio. Nach Verhören in Verona wurden sie in das Durchgangslager Gries in Bozen deportiert. Die andere Schwester, Agape, war bereits im Gefängnis von Canton Mombello inhaftiert. Im Lager erhielt Mariuccia die Häftlingsnummer 4134 im Block L.
Während ihrer Gefangenschaft schrieb sie Briefe an ihren Verlobten Tonino, die von ihrer bemerkenswerten Widerstandskraft und inneren Stärke zeugen.
Nach vielen Monaten der Trennung konnte sich die Familie Nulli – abgesehen vom inzwischen verstorbenen Bruder – am 5. Mai 1945 in Iseo wieder zusammenfinden.
Nach dem Krieg nahm Mariuccia ihr unterbrochenes Studium wieder auf und schloss es erfolgreich ab. Sie erwarb zudem die Lehrbefähigung in Kunstgeschichte und unterrichtete dieses Fach am Gymnasium, später Literatur an Mittelschulen. Gleichzeitig setzte sie ihre Leidenschaft für die Malerei fort. Heute wird sie vor allem für ihr künstlerisches Werk in Erinnerung behalten, das ihr Leben und ihren Mut widerspiegelt.

 1)  Mariuccia Nulli – 2.10.1944: Brief aus dem Dulag Bz an Tonino Antonioli (ihren Verlobten, den sie später heiratete) in : “Iseo nella Resistenza. 1945-2005 Sessant’anni di libertá”, Brescia,2005 (Übersetzung von Lisa Settari)

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Bücher

​„Iseo nella Resistenza. 1945–2005 – Sechzig Jahre Freiheit“, Brescia, 2005

In diesem Band finden sich auch unveröffentlichte Dokumente mit Briefen der Familie Nulli, die zwischen August 1944 und April 1945 aufgrund ihres Engagements für die Widerstandsbewegung inhaftiert war. Die Familie wurde in verschiedene Haftzentren gebracht: Mariuccia befand sich in Bozen zusammen mit ihrer Schwester Rosetta und deren Sohn Ennio. Der Vater Lodovico war an einem anderen Ort inhaftiert. Am 5. Mai 1945 konnte die Familie in Iseo wieder zusammenfinden.
Die Briefe von Mariuccia verbinden existenzielle Erfahrungen mit Beobachtungen, die ihre ausgeprägte malerische Wahrnehmung zeigen. Besonders deutlich wird das Gefühl extremer Einsamkeit, das durch die erzwungene Enge des Lagers und die ständige Konfrontation mit der Degradierung anderer entsteht:
Die härtesten Leiden, die die Kameraden ertragen, hallen nur noch schwach wider und stoßen an die Grenzen des eigenen Egoismus, bleiben am Rand jeder individuellen Welt stehen.
Mariuccia beschreibt hier auf bemerkenswert präzise Weise den Mechanismus der Entfremdung, der für Konzentrationslager typisch ist (S. 217–218).
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Beispiele aus ihren Briefen:
DuLag Bozen, 25. September 1944 – Brief an Tonino
 „Mit meinen Gedanken kann ich nicht darüber hinaus; ich fühle mich wie eine Idiotin, gefangen in einem Käfig voller Männer, entweder fast wahnsinnig, resigniert oder wie ich, dumm, wie Marionetten. Glaub aber nicht alles, was ich schreibe, vielleicht stimmt es ja gar nicht. Eigentlich stimmt es überhaupt nicht.

DuLag Bozen, 5. November 1944 – Brief an Tonino
 „Meine Seele scheint in einer dunklen, feuchten Welt zu sein, in der nur eine blasse Hoffnung existiert, selbst diese schwach und einsam inmitten der Absurditäten des Zufalls; dennoch reicht dieses winzige Atom Hoffnung aus, um eine Art geduldigen Willen zu nähren, der mich dazu bringt, die Augen vor allem zu verschließen und dort zu verweilen (...) zu warten.“

Mariuccia Nulli. Variazioni di un tema, 1997

Die inhaftierte Zeichnerin Mariuccia Nulli hat zahlreiche Lagerzeichnungen geschaffen. Im Buch „Mariuccia Nulli. Variationen eines Themas“, veröffentlicht 1997 von der Druckerei Apollonio in Brescia und aufbewahrt im Stadtarchiv Bozen, sind Abbildungen ihrer künstlerischen Arbeiten enthalten. 
Nulli erzählt selbst:
 „Ich habe als Kind angefangen zu zeichnen (...). Nach dem Abschluss des Liceo hätte ich gerne die Akademie der Schönen Künste besucht, aber mein Vater hielt dieses Vorhaben für unpassend. Also entschied ich mich für Architektur und schloss schließlich mein Studium an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät ab. In der Zwischenzeit zeichnete und malte ich weiter.“ (Sie hat Philosophie studiert.)

Laut Maurizio Bernardelli Curuz, der die Einführung des Bandes verfasste, ist Ironie ein wiederkehrendes Kennzeichen der Künstlerin. Zum Beispiel in dem Gemälde „Dominio“ (1985), in dem eine schwere Kuppel, die ursprünglich von einem fliegenden Patrizier in buntem Lakaienkostüm getragen wird, mit ihrem Gewicht schiefe Vogelhäuschen zerdrückt. Die Vögel, die darin leben, wirken erschöpft und auseinandergerissen, als wären sie von einem tektonischen Ruck zersplittert worden. Trotz dieser humorvollen Darstellung zeigt sich in Nullis Werken stets ein klarer politischer Horizont, wie etwa im Gemälde „Rosso e Nero“ (1981).

Web

LAGER e DEPORTAZIONE (Archivio storico Città Bolzano & Comune Nova Milanese)

Das Stadtarchiv Bozen und die Gemeinde Nova Milanese haben ein großes Erinnerungsprojekt an das Lager ins Leben gerufen. Seit 1996 hat sich diese Forschungsarbeit zu einem einzigen Arbeitsprojekt entwickelt, das als "Testimonianze dai Lager" bezeichnet wird. Im Mittelpunkt stehen Videointerviews mit italienischen zivilen Überlebenden nationalsozialistischer Lager, die Recherche und Sammlung von Dokumentationsmaterial zur NS-Deportation sowie die Aufarbeitung und Verbreitung der gesammelten Zeugnisse.
Auf der Website finden Sie die Ergebnisse des Projekts, einschließlich des vollständigen Interviews mit Mariuccia Nulli.
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